Enttäuscht von der Kommunalpolitik


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Enttäuscht von der Kommunalpolitik MOBILFUNK Sandhatter Funkmastgegner fühlen sich vom Rat im Stich gelassen VON WERNER FADEMRECHT SANDHATTEN - Der Mobilfunkempfang im Falkenweg ist schwach. Lediglich einen kleinen Balken zeigt das Handydisplay vor dem Haus von Tim Bunger an. Doch obwohl unter den vielen Sandhattern, die sich hier mit der NWZ-Redaktion treffen, gerade auch viele junge Menschen sind, beschwert sich keiner darüber. Im Gegenteil: „Ich bin extra mit meiner Familie aus Oldenburg hierher gezogen. Wegen der Natur, der Lebensqualität", sagt einer der Nachbarn. Lebensqualität, so scheint es, setzen viele der Dorfbewohner gerade nicht mit einer flächendeckenden Mobilfunkabdeckung gleich, sondern eher einer strahlungsarmen Umgebung. Gegen den über 40 Meter hohen Funkmast, den die American Tower Corporation (ATC) am Heideweg in der Nähe des sogenannten Ferienwohngebietes errichten will, besteht massiver Widerstand. Eine Interessengemeinschaft hat sich gebildet, es gibt eine eigene Internetseite. 308 Stimmen hat Bunger im Oktober 2021 noch dem alten Rat übergeben. Das Argument, das repräsentiere angesichts der etwa 1048 Einwohner bei weitem nicht die Mehrheit, ärgert ihn und seine Mitstreiter bis heute. Die Zahl der Unterschriften müsse doch in Relation zu den Haushalten gesetzt werden. Schließlich hatte die Interessengemeinschaft im vorigen Sommer Unterschriften an der Haustür gesammelt. „Aus Fairnessgründen haben wir beispielsweise die 25 Einwohner im Landhaus Heuermann — ein Altenheim, die Redaktion — gar nicht erst angesprochen", betont Bunger. Holz schirmt schlecht ab Weniger als eine Handvoll sähen das Errichten eines Funkmastes in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes wirklich positiv. In dem Ferienwohngebiet, das seit langem von vielen Eigentümern als Dauerwohnsitz genutzt wird, stehen viele Holzhäuser. Diese seien aufgrund ihrer Bauart besonders durchlässig für hochfrequente Strahlung, wie sie von Funkmasten ausgehen, so Bunger. „Anders in modernen Wohnhäusern gibt es weder Aluminiumfolien in den Wänden noch bedampfte Glasscheiben." Fair behandelt fühlen er und viele der Sandhatter vonseiten des Hatter Rates nicht. Viele Fraktionen und der Bürgermeister hätten es versäumt, der ATC eine gründliche Suche nach alternativen Standort vorzuschreiben. „Wenn funktechnische oder wirtschaftliche Gründe dagegen sprechen, ist das gegenüber der Kommune zu begründen." Dem Betreiber passiver Mobilfunkinfrastruktur sei es viel zu leicht gemacht worden. Resignation im Ort Die Tatsache, dass der Verwaltungsausschuss trotz aller Widerstände der Sandhatter vor ein paar Wochen grünes Licht für den Funkmast gegeben hat, wenn auch wohl sehr knapp, kann die Interessengemeinschaft nicht verstehen. Einige der Turmgegner seien seit langem wieder zur Wahl gegangen, um den Turm zu verhindern. Das gelte für die Kommunal- und auch die Bürgermeisterwahl. „In keinem anderen Ort hat Guido Heinisch stärker abgeschnitten als hier", betont Bunger. Die Entscheidung habe eine Welle der Politikverdrossenheit im Ort ausgelöst. Ein Sendemast für den Mobilfunk-Standard 5G für Telefonie und Internet. BILD: DPA/ARCHIV WAS DAZU NOCH WICHTIG IST Das sagen Landrat, Bürgermeister und Parteien GEMEINDE HATTEN/FA - Der Verwaltungsausschuss tagt grundsätzlich hinter verschlossenen Türen. Deshalb werden eindeutige Abstimmungsergebnisse nicht veröffentlicht. Die NWZ-Redaktion hat aber Hinweise erhalten, dass die Abstimmung über den Funkmast wohl sehr knapp ausgefallen ist. Rotgrün habe seine kritische Haltung aus dem öffentlichen Fachausschuss bis zum Schluss beibehalten, sagt SPD- Fraktionsvorsitzender Uwe Hollmann. Sandhatten sei zwar unterversorgt, aber es hätten Alternativen im Schohuser Bereich ernsthaft geprüft werden müssen. Behauptungen der Firma ATC seien da nicht ausreichend. Adolf Oltmann (CDU): „In Sandhatten ist ein großes Funkloch. Die Folgen für wirtschaftende Betriebe sind groß. Ein Neuausrichten der vorhanden Antennen bringt auch keine zusätzliche Leistung. Der vorgesehene Standort ist am Waldrand und weit von Häusern entfernt. Wir halten die Argumente der Funkmastgegner in Sandhatten für Panikmache." Stephan Möller (FDP): „Ja, man darf als Funkmastgegner enttäuscht sein. Aber wir als FDP wissen um unsere überörtliche Verantwortung" Die Faktenlage sei eindeutig, wissenschaftlich begründete Grenzwerte werden nicht überschritten. Alle mobilen Berufstätigen in der Gemeinde und auch die Feuerwehr seien auf ein intaktes Funknetz angewiesen. „Wir haben sehr offen mit der IG diskutiert. Es ist traurig, dass diese Arbeitsweise nicht anerkannt wird." Walter Schleef (Team Hatten): „Der Ausschuss für Gemeindeentwicklung hat am 20.04. das Einvernehmen der Gemeinde beschlossen. Nur acht Tage später wird dieser Beschluss unter dem Vorsitz des Bürgermeisters gekippt, um neue Verhandlungen mit dem Vorhabenträger anzustreben. (..) Einen Monat später (25.05.) haben der Bürgermeister und die Mehrheit im Ausschuss dann doch wieder das Einvernehmen erteilt. (...) Hier wurde Vertrauen der Bürger verspielt." Guido Heinisch, Bürgermeister: „Auch ich bin nicht glücklich über den beschlossenen Standort. Daher habe ich versucht, mit dem Vorhabenträger einen Kompromiss zu erreichen und ihn eindringlich um eine ernsthafte Prüfung eines Alternativstandortes gebeten. (...) Dies geschah auch, um die Sorgen einiger Anwohner zu berücksichtigen. Dem Vorhabenträger wurde ein Fragenkatalog übermittelt (...). Ergebnis war, dass Alternativstandorte aus verschiedenen Gründen nicht in Frage kämen (...). Das Vorhaben am Standort Heideweg zu verhindern war leider im Endeffekt ziemlich aussichtslos, da als Konsequenz das Bauamt der Kreisverwaltung den Antrag genehmigt und das Einvernehmen der Gemeinde somit ersetzt hätte." Christian Pundt, Landrat: „Die Gemeinde hat ein Prüfrecht und eine Prüfpflicht, bei der konkrete Gründe für die Versagung benannt werden müssen. Der Widerstand der Anlieger reicht hierfür nicht aus. (...) Der Gemeinde bleibt es allerdings auch unbenommen, dem Projektträger einen geeigneten Alternativstandort, der konsensfähig ist, vorzuschlagen, wenn sie den jetzigen für ungeeignet hält. Der Landkreis ersetzt das Einvernehmen nur, wenn die Gemeinde unrechtmäßig handelt oder es eben keine tragfähigen Gründe gibt. Es ist also kein Automatismus."



